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Die Gründung Vandaliae

Das wichtigste Ereignis während des Wintersemesters 1904/05, ja während der ganzen Verbindungsgeschichte bis dahin, war die Gründung einer Tochterverbindung "Vandalia". Vielen Ferdinanden schien dieses Unternehmen als zu gewagt, sie freuten sich wohl über den beachtlich hohen Mitgliederstand, hatten aber doch Bedenken darüber, ob der Nachwuchs in derselben Stärke anhalten werde - bei den Angriffen von Seiten der Gegner. Auch hatte die Einrichtung der Bude gewaltige Summen verschlungen, so daß es nicht gerade als opportun erschien, für eine Neugründung noch mehr Geldmittel aufwenden zu müssen, die ja erst aufzubringen waren. Da die "Ferdinandea" bisher auf akademischem Boden fast unangefochten und ungeschoren war, konnte hingegen eine Neugründung bei den Professoren und gegnerisch gesinnten Studenten heftige Gegenkämpfe auslösen. Trotz dieser mehr bedächtigen und pessimistischen Stimmen in der Verbindung erfolgte auf die Anregung von med. Richard Wollek Richard Wollek hin doch der generelle Antrag von phil. Josef Bick und Dr. Wilhelm Kosch am 18. November 1904 auf Teilung der Verbindung und Einsetzung einer Teilungskommission. Dieser Antrag wurde auf dem Burschenconvent der "Ferdinandea" einstimmig angenommen, nachdem all die aufgetauchten Bedenken zerstreut werden konnten und vor allem der Hohe Protektor Weihbischof Dr. Wenzel Frind auch für die Teilung eingetreten war. Die sofort gewählte und bestellte Teilungskommission, welche die notwendigen Vorarbeiten zu leisten hatte, bestand aus folgenden Mitgliedern: die Alten Herren Franz Krausch und Dr. Wilhelm Kosch, die Inaktiven med. Richard Wollek und rer. nat. Heinrich Zuderell und dann die Aktiven jur. Alfred Kotschwar, phil. Eugen Krafft, med. Richard Prieger und med. Josef Böhm.

Die Teilungskommission bewältigte ihre Aufgaben in 12 Sitzungen sehr rasch, so daß schon Anfang Dezember der Name, die Farben und die Budenfrage einer Klärung zugeführt waren. Die neue Tochterverbindung sollte auf den Vorschlag von Dr. Wilhelm Kosch hin "Vandalia" heißen, gegen die anfänglichen Bedenken von Weihbischof Dr. Wenzel Frind. Als Farben wurden gewählt schwarz-rot-grün beziehungsweise schwarz-grün, für die Mütze rot. Der Wahlspruch sollte auf Vorschlag von Dr. Kosch lauten: "Deutsche Treue allerwegen". Als künftiges Verbindungslokal konnte eine Bude im Gebäude des "Deutschen Handwerkervereines" in der Smetschkagasse 22, im 1. Stock des Gassengebäudes, wo auch die "Ferdinandea" seit Anfang Januar 1904 ihre Bude besaß, aufgetrieben und gemietet werden. Damit waren die wichtigsten Vorkehrungen getroffen, um die neue Verbindung ins Leben treten lassen zu können. Es war vor allem Dr. Wilhelm Kosch, der maßgeblich dazu beitrug und nicht nur den Namen und die Farben vorschlug, sondern auch das Bundeslied und die Farbenstrophen dichtete. Auch die Statuten der künftigen Verbindung erhielten eine rasche Fertigstellung und wurden bei der k.k. Statthalterei eingereicht in der Hoffnung, daß sie noch vor Ostern 1905 eine Genehmigung erhalten würden. Eine willkommene Schützenhilfe für ihr Vorhaben erhielten die Ferdinanden schon frühzeitig während des 25jährigen Stiftungsfestes der "Burgundia" in Leipzig vom 21.-25. November, auf dem fast alle Mitglieder des Cartellverbandes vertreten waren, darunter auch die "Ferdinandea", und dabei die Zustimmung fast aller anwesenden Verbindungen für die Neugründung gewonnen werden konnte. Ein an rer. nat. Heinrich Zuderell (Inaktiver bei der "Ferdinandea" und auch als Vertreter der "Carolina" in Graz fungierend) gerichteten Vorschlag, er möge sich am Burschenkonvent der "Ferdinandea" für eine Verlegung der "Sugambria" in Jena nach Prag einsetzen, kam jedoch nicht zustande. Der in damaliger Zeit schwer bekämpften und dem Terrorismus der Corps ausgesetzten "Sugambria" vor allem im Wintersemester 1903/04 gelang es jedenfalls, sich in Jena weiter zu behaupten.
Nach den Weihnachtsferien gingen die Vorarbeiten für die zu gründende "Vandalia" intensiv weiter. Auf dem Cumulativconvent der "Ferdinandea" am 28. Januar 1905 wurde die Teilung der Verbindung einstimmig und endgültig beschlossen, nachdem am selben Tage die Statuten vom akademischen Senat genehmigt worden waren. Zugleich sollten die Burschen phil. Eugen Krafft, Josef Böhm, med. Ludwig Zuderell, jur. Gebhard Findler, jur. Alfred Kotschwar und phil. Josef Bick und dann die Füchse phil. Franz Helbich, jur. Anton Schüchel, phil. Johann Richter, phil. Heinrich Barth, jur. Adolf Enge und jur. Karl Mayr (letzterer Conkneipantenfuchs) zur neuen Verbindung übergehen. Da die k.k. Statthalterei die eingereichten Statuten schon am 14. Februar genehmigte, daher die Erlaubnis zur Neugründung der "Vandalia" erteilte, und im Amtsblatt diese behördliche Bestätigung veröffentlichte, schritt die "Ferdinandea" innerhalb weniger Tage zur effektiven Gründung ihrer Tochterverbindung "Vandalia". Am 24. Februar traf während des Burschenconventes der Verbindung unter großem Jubel die telegraphische Nachricht vom Vorort "Silesia" in Halle ein, daß der Teilungsantrag der Verbindung genehmigt sei. Am folgenden Tage, am 25. Februar 1905, kam es bereits zur Konstituierung der "Vandalia" im "Deutschen Vereinshause", Zimmer 57 und zur Wahl des allerdings noch bescheidenen Chargenkabinetts: jur. Alfred Kotschwar als Senior und med. Ludwig Zuderell als Schriftführer.
Es war ursprünglich nicht die Absicht der "Ferdinandea", ihre Tochterverbindung "Vandalia" schon so bald in die Öffentlichkeit treten zu lassen, sondern erst während des Sommersemesters 1905. Aber als das Prager Amtsblatt (das "Prager Abendblatt" als Organ der k. k. Statthalterei) die behördliche Bewilligung der Statuten schon am 14. Februar publizierte, entstand unter den Gegnern eine gewaltige Aufregung. Während sich die sogenannte deutsch-freisinnige Studentenschaft dieser Gründung gegenüber im großen und ganzen ruhig verhielt, beschloß der Lese- und Redeverein deutschnationaler Studenten "Germania" aus Anlaß dieser Gründung eine Versammlung einzuberufen. Als erster Punkt stand auf der Tagesordnung: "Stellungnahme zum Farbentragen konfessioneller Verbindungen auf akademischem Boden". Die Absicht der Gegner lag klar zutage. Sie wußten ganz gut, daß sie in den Straßen Prags nicht in feindlicher Weise gegen die katholischen Couleurstudenten auftreten konnten, weil sonst sofort der Tscheche als "tertius gaudens" Krawalle gegen das gesamte deutsche couleurtragende Studententum inszenieren würde, wie ja das Beispiel vom vorangegangenen Jahr bewies, wo die Krawalle eben dadurch zustandegekommen waren, daß Mitglieder einer antisemitischen Verbindung und einer semitischen Verbindung sich öffentlich in ganzen Reihen am "Graben" mit Stöcken traktiert hatten. Wohl aber ging ihre Absicht dahin, den Mitgliedern der "Ferdinandea" und "Vandalia" in den Hörsälen das Couleurtragen unmöglich zu machen. Die Versammlung, die am 25. Februar im "Deutschen Hause" abgehalten werden sollte, wurde vom Rektor zwar genehmigt, aber von der Polizeibehörde verboten mit der Begründung, daß Studentenversammlungen außerhalb der Universität zu anderen als geselligen Zwecken nicht gestattet seien. Die Versammlung wurde daher aufgeschoben, es mußte jedenfalls noch der Rekurs und dann die Interpellation des Abgeordneten Wilhelm Friedrich Hauck im Reichsrat abgewartet werden. Somit hatte die "Ferdinandea" Zeit gewonnen und nützte auch diesen Zeitgewinn aus, um die Konstituierung ihrer Tochterverbindung "Vandalia" am 25. Februar 1905 in die Wege zu leiten. Und um die Gegner nicht länger in Ungewißheit zu lassen, und auch, um zugleich weiteren Machinationen zuvorzukommen, faßte sie den Beschluß, ihre Tochterverbindung schon am 11. März das erstemal in Farben auf akademischem Boden auftreten zu lassen. Am Abend vorher, am 10. März, wurde im engen Kreise der Verbindung eine kleine Publikationsfeier im Gartensaale des "Deutschen Vereinshauses" abgehalten, auf welcher der um die Verbindung schon seit Jahren hochverdiente Universitätsprofessor Dr. Karl Hilgenreiner die Ernennung zum Ehrenmitglied zuerkannt erhielt. Richard Wollek, des Gelingens über die Verbindungsgründung froh, hielt dabei die Festansprache. Freudigst bewegt waren alle, als der Senior med. Josef Böhm nach einigen kurzen Worten den vom Burschenconvent bestimmten Burschen und Füchsen die Ferdinandenfarben abnahm und ihre Brust mit dem schwarz-rot-grünen Bande schmückte. Von der "Ferdinandea" wurden nun endgültig der "Vandalia" zugeteilt die Burschen Bick, Böhm, Fiedler, Kotschwar, Krafft und L. Zuderell und die Füchse Barth, Enge, Helbich, Mayr, Richter und Schüchel. Infolge dieser Zuteilung mußten bei der "Ferdinandea" Neuwahlen vorgenommen werden, die folgendes Ergebnis aufwiesen: x Prieger, xx Joch, xxx Bauernfeind, FM Auterith. Die Funktion eines Kassiers dürfte Prieger beibehalten haben.
Den 11. März 1905, den festlichen Tag, begannen nun die beiden Verbindungen in würdiger Weise, indem sie einer hl. Messe in der Josephskirche beiwohnten. Die Promotion von phil. Josef Bick zum Doktor phil. kurz nachher gab den Vandalen die Gelegenheit, ihre schön leuchtende Couleur zum erstenmal in den ehrwürdigen Raumen der Alma mater zur Schau zu tragen. Am Abend desselben Tages gab dann Bick seinen Doctorpotus, auf dem auch dessen Bruder, Alter Herr Adolf Bick, aus Duppau begrüßt werden konnte. "Ferdinandeas" Ehrenmitglied Abt Gilbert Helmer vom Stift Tepl übernahm schließlich in hochherziger Weise das Protektorat über die "Vandalia", deren Band er nun seit dem 13. März 1905 auch trug. Der Vorsitzende der damaligen Gründungskommission, med. Richard Wollek, der von Anfang an bedacht war, der jungen "Vandalia" zu einer besonders schönen und dauerhaften Einrichtung für ihr Verbindungsheim zu verhelfen, fuhr selbst mit seinem Bundesbruder von der "Austria" in Innsbruck med. Christian Walter nach Tepl und trug dem Abt sein Anliegen vor. Nachdem beide in gastfreundlicher Weise empfangen worden waren und mehrere Tage dessen Gastfreundschaft genossen hatten, erhielten sie zum Abschied von dem künftigen hohen Schirmherrn der "Vandalia" einen Briefumschlag ausgehändigt, in dem sich 2000 Goldkronen befanden, ein für damalige Verhältnisse fürstliches Geschenk. Damit war auch die finanzielle Grundlage für die Anschaffung der herrlichen handgeschnitzten Eicheneinrichtung der Vandalenbude, die insgesamt über 5000 Kronen kostete, gesichert. Der akademische Maler Philipp Schumacher (Aln, Nc) in Berlin lieferte den Entwurf für das Verbindungswappen, während einzelne Mitglieder der Teilungskommission, die nicht zur "Vandalia" übertreten konnten, das Band der neuen Verbindung erhielten: die Alten Herren Franz Krausch und Dr. Wilhelm Kosch, dann Richard Wollek, Heinrich Zuderell und Richard Prieger.
Die "Academia" veröffentlichte schon am 15. März über das beglückende Geschehnis der Gründung der 44. Cartellverbindung in Prag einen Artikel unter dem Titel "Vandalia sei's Panier" und forderte die Cartellbrüder aus allen Landen, wo deutsche Herzen schlugen, auf: "Auf nach Prag, Vandalia sei's Panier!" Am 15. April gab die "Ferdinandea" der Hoffnung Ausdruck, daß schon anläßlich des 20. Stiftungsfestes am 19. bis 21. Mai, verbunden mit der Publikationsfeier ihrer Tochterverbindung "Vandalia", sich im Sommersemester eine größere Anzahl von Cartellbrüdern bewegen lassen werde, ihre Schritte ins goldene Prag zu lenken. Außerdem gaben unter dem gleichen Tage die Senioren der beiden Verbindungen, Prieger und Kotschwar, das Programm für die Feiergestaltungen in den Maitagen bekannt.
Doch ganz ungetrübt gingen die freudigen Ereignisse vorerst nicht vorbei. Während der Osterzeit 1905 kam es im Rahmen des Cartellverbandes zum ersten Mal zu einem Streit mit Dr. Wilhelm Kosch. Derselbe gab in dieser Zeit wegen Aufbringung finanzieller Mittel ein Flugblatt heraus, dessen Inhalt alles andere als vom bundesbrüderlichen Geiste getragen war. Als sich Kosch dann verantworten sollte, trat er sofort aus den Verbindungen "Norica", "Winfridia", "Ferdinandea" und "Vandalia", deren Mitglied er war, aus und entzog sich so jeder Verantwortung. Von dieser Zeit an begann die Entfremdung zwischen dem auf vielen Gebieten hochbegabten und äußerst tüchtigen Dr. phil. Wilhelm Kosch und dem Cartellverband.
Die rege Keiltätigkeit während des Sommersemesters war, wie schon deutlich ausgeführt wurde, wahrlich nicht umsonst. Unmittelbar vor der Antrittskneipe am 17. Oktober, traten 7 Neofüchse ein: jur. Adolf Enge aus Reichenberg, jur. Rudolf John aus Komotau, hist. Otto Junk aus Prag, jur. Karl Mayr aus Wörgl in Tirol als Conkneipant, phil. Joseph Nadler aus Neudörfl bei Nixdorf, phil. Johann Richter aus Georgswalde und jur. Anton Schüchel aus Rumburg. Am 25. Oktober folgte phil. Rudolf Vetschera aus Dornsdorf bei Komotau, also fast alle aus Böhmen. Bald darauf kam es zu weiteren Neuaufnahmen, so am 5. November jur. Alois Hartmann aus Wels in Oberösterreich, am 18. November jur. Heinrich Barth aus Hohentann bei Komotau, am 25. November phil. Robert Rudolf aus Philippsdorf und jur. Ignaz Ott aus Eger (vorerst als Conkneipant, aber bald darauf als Fuchs), am 2. Dezember phil. Emil Seifert aus Gebirgsneudorf und am 13. Januar phil. Josef Wünsche aus Metzling, wiederum fast alle aus Böhmen.
Dagegen gab es nur einen Ausfall. Fuchs jur. Rudolf Trentin wurde freundschaftlich entlassen und trat dann später der "Vandalia" bei. Das Ergebnis der Teilung der "Ferdinandea" wurde bereits ausführlich dargelegt. Auch der Altherrenverband hatte wiederum Verluste zu tragen. Florian Eichhorn, Pfarrer in Nußdorf bei Wien wurde seit Herbst 1904 nicht mehr als Ehrenmitglied geführt und die Philister Wenzel Dürschmid, Professor in Proßnitz, und Alois Hauschka, Katechet in Saaz, wurden wegen andauernder Interesselosigkeit zur selben Zeit gestrichen. Der gleiche Grund wurde angeführt, als zwei weitere Alte Herren Ende Januar 1905 gestrichen wurden: Prof. Joseph Hönig in Leitmeritz und Joseph Müller, Pfarrer in Sollmus (Böhmen).
Sommersemester 1905
Schon frühzeitig setzte während des Sommersemesters 1905 die Hetze gegen die so unerwartete Gründung der "Vandalia" ein. Sie wurde auch in Nordböhmen gegen die beiden Prager Verbindungen zu Beginn des Monats Mai in den Familienkreisen mit gesteigerter Heftigkeit betrieben, weil die Keiltätigkeit den Einfluß der Gegner auf den Nachwuchs von den deutschen Mittelschulen bedeutend zu schwächen drohte. Um deshalb die neuesten Aktionen der Provinz kräftig zu unterstützen, war vor allem die Anwesenheit recht vieler Alter Herren des "Philisterzirkels für Nordböhmen und die Lausitz" am 12. Juni in Aussig dringend zu wünschen, wie der Vorsitzende dieses Zirkels, Dr. Alfred Herzig (Aln) unmißverständlich nahelegte. Selbstverständlich war die überraschende Gründung der "Vandalia" auch in Prag weiterhin dazu angetan, die Gegner zu allen möglichen Mitteln wie brutale Gewalt, intrige Proteste, Verleumdung in den Zeitungen usw. zu motivieren, um die beiden katholischen Verbindungen zu beseitigen. Für die alldeutsche Studentenschaft bedeutete die Neugründung um so mehr eine bedeutsame Erregung, als der sogenannte "zweite Hochschultag in Wien" im Sommer 1905 vor der Türe stand, der ja die Vernichtung der katholischen Verbindungen als nächstes Ziel hinstellte, nachdem auf der ersten Tagung im März 1905 die radikalen Studenten die Cartellbrüder als Feinde des Volkes hingestellt hatten.
Um den Semesterbeginn waren auch die Cartell- und Bundesbrüder im Raume des Elbetales nicht untätig. Angeregt durch die Aktivitäten des Philisterzirkels für Nordböhmen und die Lausitz unter Dr. Alfred Herzig in Georgswalde, zu dem sie auch gehörten, auch in Hinblick auf die Unterstützung der "Ferdinandea" und auch der "Vandalia" besonders durch die Keiltätigkeit, riefen sie, nachdem sich die Aktiven in Prag just "Vandalen" nannten, einen Philisterzirkel "Schreckenstein" ins Leben. Die Alten Herren und deren treuen Freunde trafen sich am 26. April in Aussig am Elbestrande gegenüber dem Schreckenstein und gründeten den dritten Zirkel in Deutschböhmen, der das Gebiet von Bodenbach bis Komotau und Leitmeritz umfaßte. Neben den Alten Herren und den Gästen waren auch je ein aktiver Ferdinande und Innsbrucker Austrier in Aussig beteiligt.
Anfang Mai begann das Sommersemester 1905, das ein ausgesprochen ereignisreiches Semester zu werden versprach, wenngleich die am 15. April ausgesprochenen Erwartungen nach dem Zuzug von einer größeren Anzahl von Cartellbrüdern nicht eintraten, denn es trafen bei der "Vandalia" nur zwei Cartellbrüder ein und nur einer, med. Protasius Heinrich von der "Vindelicia" in München, gesellte sich zur "Ferdinandea".
Der rührige Richard Wollek und Senior Prieger waren in einer wichtigen Angelegenheit tätig; ihnen verdankte der Prager Cartellverband, der durch die Gründung der "Vandalia" spätestens seit Beginn des Sommersemesters seine gemeinsamen Aktivitäten aufnahm, die Ausarbeitung der Cartellsatzungen, die von beiden Verbindungen zumindest im wesentlichen befolgt wurden, wenngleich sie erst während des Wintersemesters 1907/08 endgültig angenommen wurden. Der Prager Cartellverband (P.C.V.) fand seine erste Nennung schon im Bundeslied der "Vandalia" noch im Jahre 1904 und war schon im Mai 1905 existent, wie aus einer "Academia"-Nummer vom 15. Mai hervorgeht.
Trotz aller Angriffe von seiten ihrer Gegner ließen sich die beiden Korporationen keineswegs aus der Fassung bringen, denn das noch gegen Ende des Wintersemesters 1904/05 angekündigte 20. Jubelstiftungsfest der "Ferdinandea" in Verbindung mit der Publikationsfeier der "Vandalia" rückte näher. Die "Katholische Presse", wie die "Österreichische Volkszeitung" in Warnsdorf, machte wiederholt auf dieses kommende Ereignis vom 19.-21. Mai aufmerksam, so am 12. Mai mit dem genauen Programm und noch am 19. Mai mit einem Vorbericht über das sich bereits abzeichnende glänzende Studentenfest in Prag und am selben Tage mit einem historisch beleuchteten Artikel unter dem Titel "Ferdinandea sei's Panier! Heil Vandalia"', in dem besonders auf die Bedeutung des Stiftungsfestes für das ganze katholische Deutschböhmen hingewiesen wurde. Ebenso wurde hervorgehoben, daß sich mutige Männer unvergängliche Verdienste um die katholische Sache erworben hätten, die zumeist mit Gegnern umgehen mußten, die bei der Wahl der Mittel nicht gerade wählerisch waren, trotzdem sie alle Macht in Händen hatten. Schritt für Schritt dieses heißen Bodens mußte mühsam erkämpft werden. Kämpfe ernster Art würden aber der "Ferdinandea" und ihrer Tochterverbindung "Vandalia" auch in Zukunft in Hülle und Fülle bevorstehen. Aber nun standen beide Verbindungen gewappnet da. Ausdauernde, jahrelange, mühevolle Arbeitstätigkeit hatte "Ferdinandea" im inneren Verbindungsleben gekräftigt und alle Hindernisse hatten sie glücklich überwunden, von Jahr zu Jahr in ihrer Verbindungsgeschichte glänzende Fortschritte gemacht, die für das katholische Volk Deutschböhmens das Beste erhoffen ließ. Nun bekam aber die "Ferdinandea", die besonders in den letzten Jahren einen geradezu ungeahnten Aufschwung genommen und einen bedeutenden Schritt nach vorne getan hatte, durch die Gründung der "Vandalia" eine Mitkämpferin. Nicht mehr allein stand die "Ferdinandea" mit ihren Grundsätzen unter der deutschen Studentenschaft in Prag. So bildeten denn diese Festlichkeiten, die in den Maitagen gefeiert würden, nicht nur einen Markstein in der Geschichte der beiden Verbindungen; sie würden auch bedeutungsvoll für das ganze Volk Deutschböhmens werden, dessen Söhne zu sein, Ferdinanden und Vandalen stolz waren. Vorwärts, immer vorwärts, kein Hindernis scheuend, muß die Parole für Ferdinandea und Vandalia lauten, auf daß einstens den ewigwahren und unerschütterlichen Grundsätzen des Glaubens, der Vaterlandsliebe und der Liebe zu unserem deutschen Volke die Palme des Sieges beschert sein möge. Deswegen ein ewiges vivant, crescant, floreant Ferdinandea atque filia Vandalia!
Eine große Begeisterung war in die katholische deutsche Studentenschaft eingezogen und belebte deren Tätigkeit neu, nachdem sie eine neue Korporation ins Leben gerufen hatte. Das glänzende Doppelfest, das "Ferdindea" und "Vandalia" als Mutter und Tochter in hoffnungsvoller Stimmung und schönster Harmonie am 20. Mai in Prag durchführten, sowie das prächtige Gelingen war jedoch niemand anderem als dem umsichtigen "Hagen" zu danken, Richard Wollek. Niemand hatte noch vor einigen Jahren an die Möglichkeit gedacht, daß in Prag eine zweite katholische Verbindung entstehen könnte. Jedoch die stete Begeisterung für die Prinzipien und die unermüdliche jahrelange Arbeit brachte der "Ferdinandea" diesen schönen Erfolg, daß sie zugleich mit ihrem 20. Stiftungsfest ihre Tochterverbindung "Vandalia" der Öffentlichkeit vorstellen konnte.
Fast das ganze Wintersemester hindurch freuten sich die Ferdinanden und diejenigen, die dann der "Vandalia" angehörten, auf das Stiftungs- und Publikationsfest im Monat Mai 1905. Schon der Begrüßungsabend am Freitag, dem 19. Mai, im Gartensaal des Deutschen Vereinshauses ließ die Sympathie erkennen, die den beiden Verbindungen "Ferdinandea" und "Vandalia" zuteil wurde. Die "Norica" in Wien und die "Carolina" in Graz hatten in drei "Carolina" in Graz je drei Vertreter nach Prag entsandt, die "Austria" in Innsbruck, die "Brugundia" in Leipzig und die "Gothia" in Erlangen beorderten je zwei Vertreter und je ein Vertreter wurde von den zwei Breslauer Verbindungen "Winfridia" und "Salia" geschickt, die alle schon am Begrüßungsabend in der Moldaumetropole eintrafen. Ferner waren bereits liebe Alte Herren und die Mehrzahl der Gäste aus Prag und der Provinz eingetroffen, viele auch aus dem Deutschen Reich und aus Ober- und Niederösterreich.
Der Samstag, der 20. Mai, wurde mit einer kirchlichen Feier, verbunden mit der Fahnenweihe, eingeleitet. Um 11 Uhr fuhren die drei Erstchargierten der "Ferdinandea" und der "Vandalia" bei der Universitätskirche vor und erwarteten dort Frau Reichsgräfin Elisabeth Nostitz-Rieneck, die die Stelle einer Fahnenpatin übernommen hatte. Herr Kanonikus Manlik zelebrierte eine heilige Messe, während die deutschen Theologen den Gesang besorgten. Manlik legte in seiner herrlichen Weiherede die Bedeutung der Fahne dar, pries die Überzeugungstreue und den männlichen Mut der katholischen akademischen Jugend, die sich in beiden Verbindungen um das Banner des katholischen Glaubens und der Wissenschaft geschart hatte und forderte zur Einigkeit und zum Ausharren unter diesem Banner in den Kämpfen des Lebens auf. Die Fahnenpatin heftete ein prachtvolles blauweißes Band, geschmückt mit ihrem Wappen, an die Fahne, die von der "Ferdinandea" ihrer Tochterverbindung "Vandalia" gewidmet wurde. (Das Banner wurde von der Firma Janauschek hergestellt). Der anschließende Bummel am "Graben" nahm nur kurze Zeit in Anspruch, dann taten sich die Festgäste zu einem gemeinsamen Mittagessen im "Deutschen Vereinshause" zusammen. Der Nachmittag bot dann günstige Gelegenheit, den Gästen das hunderttürmige Prag zu zeigen.
Abends fand im großen Saale des Deutschen Vereinshauses der Festkommers statt wobei die Kapelle des berühmten Infanterie-Regiments Nr. 73, des Egerländer Hausregiments, die Musik besorgte. Der Saal war reich mit Girlanden und Blumen geschmackvoll dekoriert, von der Galerie hingen die Fahnen der anwesenden Verbindungen herab und an den Wänden sah man die Wappen sämtlicher 50 Verbindungen des "Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen". Auf dem Podium hatten drei Chargierte der Verbindung "Ferdinandea" Aufstellung genommen, unterhalb waren 15 Vertreter der Cartellverbindungen. Unter den Klängen des Ferdinandenmarsches erschienen die 20 Wichschargierten im Saale und nahmen ihre erhöhten Plätze ein. Mit dem "Gaudeamus" eröffnete der Senior der "Ferdinandea" med. Richard Prieger den Commers und konnte folgende Verbindungen begrüßen: "Winfridia" in Breslau, "Austria" in Innsbruck, "Burgundia" in Leipzig, "Norica" in Wien, "Gothia" in Erlangen, "Carolina" in Graz, "Leopoldina" in Innsbruck und "Salia" in Breslau. Erschienen waren die Fahnenpatin Frau Reichsgräfin Elisabeth von Nostitz-Rieneck, Frau Gräfin Gatterburg, Graf Sigismund Ledochowsky, Baron Heinrich Zeßner-Spitzenberg, Kanonikus Manlik, die Universitätsprofessoren Dr. Karl Hilgenreiner (Fd) und Dr. Josef Jatsch, dann die Gründer der "Ferdinandea" Sektionsrat Univ.-Prof. Dr. Karl Scheimpflug mit Gemahlin aus Wien und Bezirkshauptmann Josef Schöpfer, die mit großem Jubel bedacht wurden, und viele Alte Herren und werte Gäste. Etwa 80 Begrüßungstelegramme und Schreiben wurden gesendet, unter anderem: vom Vorort des Cartellverbandes "Badenia" in Straßburg, vom Vizepräsidenten des deutschen Abgeordnetenhauses Dr. Felix Porsch (Gu, Fd) in Breslau, vom Bürgermeister Dr. Karl Lueger in Wien, vom Abgeordneten Dr. Albert Geßmann (EM AW, Fd), vom Stift Tepl, von den deutschen Theologen in Budweis und Leitmeritz, vom deutschen Handwerkerverein in Prag; ferner hatten zahlreiche Alte Herren und alle befreundeten Verbindungen an den österreichischen und deutschen Universitäten ihre Grüße gesendet, deren Verlesung stets neuen begeisterten Jubel weckte.
Unter stürmischen Heilrufen ergriff der Alte Herr und Stifter Dr. Karl Scheimpflug aus Wien das Wort zur Festrede. Er schilderte, wie er mit einigen Gleichgesinnten im Jahre 1885 darangegangen war, einen katholischen Verein zu gründen, welcher gleich von Anfang an das Prinzip der Katholizität annahm und aus dem dann später die Verbindung "Ferdinandea" hervorging, trotz der denkbar schwierigsten Verhältnisse. Er ging auch darauf ein, wie der damalige Landeshauptmann von Oberösterreich, Dr. Alfred Ebenhoch (Aln), einige Jahre früher während seiner Studienzeit in Prag (Sommersemester 1877) den leider vergeblichen Versuch gemacht hatte, eine katholische Verbindung zu gründen, nachdem das katholische Leben seit 1848 immer mehr und mehr aus den maßgeblichen deutschen Kreisen Deutschböhmens gewichen war. Nun aber, meinte Dr. Scheimpflug, seien die Vorurteile in den oberen Kreisen geschwunden und langsam, aber unverkennbar gehe durch Wissenschaft und Kunst, durch Gesellschaft und Staat ein religiöser Zug. Der Stifter der "Ferdinandea" beglückwünschte schließlich die junge Verbindung "Vandalia" und forderte sie zu eifriger Tätigkeit auf. Reicher Beifall lohnte diese Ausführungen. Dann übergab mit einer kurzen Ansprache der Senior "Ferdinandeae" die Fahne an die neue Verbindung "Vandalia". Durch einen donnernden Salamander wurde die Tochter "Ferdinandeae" von der stattlichen Corona begrüßt und ihr Senior jur. Alfred Kotschwar v/o Schorle, der das weitere Präsidium übernahm, gelobte stets treu und unerschrocken an den idealen Prinzipien des Cartellverbandes festzuhalten, und dankte allen, die mitgewirkt hatten, die erste Teilverbindung des Cartellverbandes in Österreich ins Leben zu rufen. Unter großer Begeisterung stieg nun "Vandalias" Bundeslied von Dr. Wilhelm Kosch (NbB, Nc, Wf, Fd, Va).
Der Senior der "Winfridia" in Breslau, med. Willibald Vogel, überbrachte die Glückwünsche des Cartellverbandes und rieb auf die beiden Prager Verbindungen einen kräftigen Salamander. Das Ehrenmitglied Univ.-Prof. Dr. Karl Hilgenreiner sprach über die Prinzipien: Religion, Wissenschaft und Freundschaft und brachte die Glückwünsche der Professoren dar. Graf Sigismund Ledochowsky, ein wahrer Freund der katholischen Studenten, dessen "Patronat der Jugend" in Prag sich an der prächtigen und stilvollen Ausstattung der neuen Bude der "Vandalia" durch die Verfertigung der in Tiroler Gotik gehaltenen, kunstvoll ausgeführten Schränke in rühmlicher Weise beteiligt hatte, betonte in kurzen Worten den katholischen Charakter der beiden Verbindungen und gab auf Grund geschichtlicher Reminiszenzen eine passende Deutung des Namens der neuen Verbindung. Die Leitung des inoffiziellen Teiles des Commerses übernahm der Senior der "Winfridia", med. Willibald Vogel. Studentenlieder und Konzertstücke der Militärkapelle sorgten für den unterhaltenden Teil. Phil. Joseph Nadler feierte in launigen Worten die jungen Damen, die ihm nicht genug Beifall zollen konnten.
Am Sonntag, dem 21. Mai, zog man zum bewährten Grabenbummel, der bei den anderen Korporationen durch die stattliche Anzahl allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Er fand allerdings ein frühzeitiges Ende, da anläßlich einer großen Wahlrechtsdemonstration die Sozialisten, die anfangs ganz ruhigen Massen gegen die deutschen Studenten hetzten. Es erschollen Rufe: "Nieder mit den Kapitalisten!", "Heraus mit dem allgemeinen Wahlrecht!". Da es anfangs schien, als würde alles ganz gut ablaufen und wenig Grund vorhanden war zur Befürchtung von Krawallen, da sonst die Sozialisten nicht gegen deutsche Studenten demonstrierten, war jedoch das Erstaunen um so größer, daß sich einige darunter die günstige Gelegenheit nicht entgehen ließen, gegen die verhaßten "Burschaken" vorzugehen. Bessere Elemente unter den Sozialisten bemühten sich zwar, ihre Leute vor Ausschreitungen zurückzuhalten, allein schon in den folgenden Minuten drängten die demonstrierenden Massen gegen die Studenten unter den Rufen "Abzug Burschen!" vor. Die Studenten hielten dem Ansturm stand. Jedoch war der Bummel um diese Zeit bereits schwächer besucht, da die meisten Korporationen schon zum Frühschoppen ins Deutsche Haus gezogen waren. Nach einer halben Stunde des Kampfes zogen die Studenten ab, und es herrschte wieder vollständige Ruhe. Während des Rummels übte die Polizei merkwürdige "Zurückhaltung".
Nachmittags wurde ein Ausflug mit Dampfer moldauabwärts nach Rostok unternommen. Das Moldautal im Frühlingsgewande und das Schiffshebewerk bei Podbaba boten des Schönen und Interessanten genug. In Rostok nahmen die gastlichen Räume des Restaurants "Maximilian" alle Teilnehmer auf, und nicht lange währte es, so erklangen Wiener Walzer, und der schon seit Wochen vermißte Tanz war in vollem Gange, bis er erst spät verklang. In der frohen Hoffnung, daß alle Wünsche, welche in den Maitagen für die beiden Prager Cartellverbindungen ausgesprochen worden waren, in Erfüllung gehen möchten, waren die "Ferdinandea" und "Vandalia" willens weiter zu streben und zu streiten an der ältesten der deutschen Hochschulen. Mit dem Wunsche auch, daß die edle Begeisterung für dieses glanzvolle Freudenfest in den Reihen der katholischen Studentenschaft Prags nicht verklingen, sondern ihr Kraft, Mut und Ausdauer für die bevorstehenden Kämpfe verleihen möge, war die Erwartung verbunden, daß die "Ferdinandea" und "Vandalia" gestählt und gestärkt aus dem bereits ausgebrochenem Kampfe hervorgehen und in doppelter Anzahl in fünf Jahren das 25jährige Stiftungsfest "Ferdinandeae" feiern könnten.
Die von Wollek und Senior Prieger ausgearbeiteten Cartellsatuten bildeten weiterhin die Grundlage dafür, daß die beiden Korporationen darangehen konnten, sich einerseits im Innern zu festigen, andererseits aber durch eine rege Keiltätigkeit den Fuchsenstall so zu füllen, daß man mit einer gewissen Beruhigung den bereits für den Herbst angekündigten Stürmen entgegenzusehen in der Lage war. Die "Ferdinandea" hatte dabei eine für sie sicherlich ungute Angelegenheit zu bereinigen. Der sonst für beide Verbindungen so verdiente Bundesbruder Dr. Wilhelm Kosch, der in Prag als Bibliothekar tätig war, war auf den Pfad des "Reformkatholizismus" geraten und bestrebte sich, besonders auch die Füchse für seine Ansicht zu gewinnen. Daher sah sich der Burschenconvent am 11. Juni veranlaßt, den Füchsen den Verkehr mit Dr. Kosch zu untersagen, nachdem er bereits zu Anfang Juni dimittiert worden war. Dr. Kosch wurde kurz darauf auch von seiner Urverbindung "Norisa" in Wien ausgeschieden. (Dr. Kosch wurde wohl in den Osterferien 1906 bei der "Ferdinandea" wieder aufgenommen, aber 1909 über eigenen Wunsch wieder gestrichen). Andererseits fanden es die radikalen Burschenschaften angemessen, zur "Rettung des Deutschtums und des Friedens an der Deutschen Universität" dem Senat in einer Denkschrift nahezulegen, er möge die Anschlagtafeln der beiden katholischen Verbindungen entfernen lassen. Nach dem Muster der Reichsdeutschen, welches in Prag immer zu spät und plump nachgeahmt wurde, schwafelte man auch hier von den "Gefahren der konfessionellen Verbindungen!"
Am 15. Mai luden die beiden Verbindungen "Ferdinandea" und "Vandalia" schon die Cartellbrüder und besonders die Alten Herren der Philisterzirkel von Dresden, Egerland und Nordböhmen und der Lausitz zu dem am Pfingstmontag dem 12. Juni stattfindenden Pfingstcommers im Dampfschiffhotel zu Aussig ein, verbunden mit einem Frühschoppen auf der Burgruine Schreckenstein am Pfingstdienstag. Diese Zusammenkunft erbrachte insofern eine große Hilfe, nachdem sich ja in Aussig der Philisterzirkel Schreckenstein konstituiert hatte, der am 1. Juni, am Christi Himmelfahrtstag, in Aussig im Dampfschiffhotel eine Tagung abgehalten, einen Ausflug auf den Schreckenstein unternommen und abends im Hotel "Moor" sich wieder zusammengefunden hatte. Somit hatte man schon genügend Erfahrung gesammelt, wie die eintreffenden Gäste, 39 Cartellbrüder, die sich auf die Alte-Herrenzirkel Dresden (3), Egerland (3), Nordböhmen und Lausitz (4), Prag (2), Schreckenstein (5), auf die Verbindungen "Ferdinandea" (9), "Vandalia" (11) und "Burgundia" in Leipzig (I) verteilten, am 12. und 13. Juni zu betreuen waren. Dem Commers am 12. Juni ging eine Sitzung voraus, in welcher verschiedene taktische Fragen beraten wurden. Der Convent faßte dabei mehrere Beschlüsse, die durch die "Academia" auch an die nicht dabeigewesenen Alten Herren gelangen sollten, und zwar: Der Philisterconvent sollte jeweils mit den Aktiven tagen. An den Convent, dessen Anfang auf 5 Uhr festgelegt wurde, sollte sich ein abendlicher Commers mit dem Beginn um halb 8 Uhr anschließen. Den Vorsitz beim Convent möge stets ein Alter Herr desjenigen Zirkels führen, welcher nach der durch das Alter gegebenen Reihenfolge dazu bestimmt war. Das Präsidium beim Commers hingegen müßten die Senioren der Verbindungen "Ferdinandea" und "Vandalia" nach gegenseitiger Vereinbarung innehaben. Die Einladungen sollten für die Alten Herren von den Senioren der Zirkel besorgt werden, für die Ehrenmitglieder und Gäste direkt durch die Verbindungen.
Die "Ferdinandea" konnte letztlich auf ein Studienjahr zurückblicken, voll von Arbeiten und reich an Erfolgen, Vollendung der Budeneinrichtung, Durchsicht der noch erhaltenen Geschäftsordnung (1904 gedruckt!), Anschaffung vieler studentischer Bücher, Schaffung einer geachteten Stellung in der Prager Gesellschaft und Gründung der "Vandalia". All dies zeugte von einem regen und begeisterten Streben aller. Frisches, fröhliches Leben war eingezogen ins hunderttürmige Prag, wenngleich noch in den letzten Wochen des Sommersemesters die Einleitung dazu zu treffen war, den für den Herbst angedrohten Stürmen entgegentreten zu können.
In den Tagen vom 29.-31. Juli feierte die "Katholische Landsmannschaft deutscher Hochschüler aus den Sudetenländern Nordgau" in Wien ihr Ferialfest in Sternberg in Nordmähren. Hierzu hatten auch die "Ferdinandea" und "Vandalia" neben den Wiener Verbindungen "Austria", "Norica", "Rudolfina", "Kürnberg" usw. ihre Vertreter entsandt. Die katholische deutsche Bevölkerung stellte viele Damen und Herren als Gäste. Am Sonntag fuhren die Studenten um 9 Uhr in 8 Wägen in voller Wichs zu dem von Weihbischof Weidlich von Olmütz zelebrierten Pontifikalamt in die Pfarrkirche. Bei der Rückkehr erfolgte ein schändlicher Überfall alldeutscher Studenten und sonstiger radikaler Elemente. Nach der Mittagstafel im katholischen Vereinshause fand ein gut besuchtes Gartenfest statt, bei dem zwei Musikkapellen konzertierten, und am Abend wurde ein Tanzkränzchen abgehalten, während dann am Montag ein animierter Commers vonstatten ging, zu dem sich über 1200 Personen einfanden.
Dieses friedlich-frohe Fest war aber den intoleranten Alldeutschen ein Dorn im Auge. Ihr Ziel war es ja, alle katholischen Kundgebungen roh zu unterdrücken. Dazu gehörte auch der schändliche Überfall. Bald nach der Ankündigung des Festes waren bereits hetzerische Aufrufe erschienen, um die radikalen Elemente zur Störung zusammenzutrommeln. Katholische Studenten, die als Gäste des Katholischen Volksvereines in Sternberg ein unschuldiges Ferialfest feiern wollten, wurden während der Fahrt von der Kirche von den alldeutschen, modernen Wegelagerern überfallen und nicht nur beschimpft und blutig geschlagen, sondern direkt am Leben bedroht. Viele Studenten erlitten Hautabschürfungen infolge der Steinwürfe, Beulen von Stockhieben usw. Total ruiniert waren die Cerevise, Fläuse und Schärpen des Seniors des "Nordgaus", ebenso des "Ferdinandea"- und "Norica"-Vertreters. Der früher schwarze Salonrock des Alten Herrn der "Rudolfina" Dr. Rudolf Gschladt glich nachher einem schwarz-weiß-gelb karierten Überwurf, während sein Bundesbruder theol. Johann Ludwig Verletzungen erhielt.
Alle rohen Vorfälle in Sternberg aber vermochten nicht die Festesfreude der katholischen Studenten zu stören, denn hundertfach machte der gutgesinnte Teil der Bevölkerung, an seiner Spitze der wackere Stadtkaplan Mayer, den frechen Überfall der radikalen Kommilitonen wieder gut.
Nachdem sich der Philisterzirkel "Schreckenstein" vom Zirkel "Nordböhmen und der Lausitz" getrennt hatte, beabsichtigte letzterer im Herbst am Dienstag dem 5. September eine gemütliche Zusammenkunft auf der Klosterruine des Oyben bei Zittau in Sachsen zu organisieren. Die in reger Keiltätigkeit unermüdlichen Aktiven tagten schließlich dort gemeinsam mit den Philistern. Für das Sommersemester 1905 ist nur eine Neuaufnahme zu verzeichnen, jur. Wenzel Schindler aus Liebowitz in Böhmen.

Entnommen aus: Festschrift "100 Jahre Ferdinandea Prag"; Seite 151-167