Nach dem 2. Weltkrieg Der folgende Bericht wurde anläßlich des 80. Stiftungsfestes unserer Verbindung verfaßt. Natürlich ist seitdem einiges geschehen, und wir hoffen, bald einen aktualisierten Bericht vorlegen zu können.
Wenn wir heuer das 80jährige Bestehen von Vandalia feiern, so wollen wir nicht vergessen, daß wir noch ein weiteres, kleines Jubiläum feiern können: 35 Jahre Vandalia in München! Es ist natürlich unmöglich, in einem kurzen Aufsatz diese 35 Jahre Verbindungsgeschichte darzustellen, sondern es soll nur versucht werden, einen knappen Überblick über diese Zeitspanne zu geben. Es wird immer wieder von der „Wiederbegründung" unserer Vandalia in München gesprochen. Das stimmt eigentlich nicht; denn wegen der auch noch in den Jahren 1948 und 1949 bestehenden Schwierigkeiten, eine Lizenz für die Gründung einer Studentenverbindung zu bekommen, faßte der AHC Vandalias am 22.2.1950 einfach den Beschluß, den Sitz der Verbindung von Prag nach München zu verlegen; und diese Sitzverlegung wurde vom CV-Vorstand der US-Zone auch sofort genehmigt. Diese „Wiederbegründung" Vandalias war das Werk einer kleinen Gruppe der damals in alle Himmelsrichtungen zerstreuten Bundesbrüder, sowie einer Reihe von Cartellbrüdern aus dem PCV, die sich in München zusammengefunden hatten und in dem unerschütterlichen Glauben an die große Sendung unseres CV die Möglichkeiten einer Neugründung oder Wiedergründung Vandalias berieten. Wir gingen davon aus, daß wir auf dem Fundament des Gedankengutes und der Tradition unserer Verbindung aufbauen können, daß die neue Verbindung den jungen Bundesbrüdern eine Stätte der Begegnung und des Gesprächs, des Austausches der Gedanken und Meinungen Gleichgesinnter werden soll und daß es Aufgabe der Verbindung ist und bleibt, in unserer Weltanschauung gefestigte und verantwortungsfreudige Persönlichkeiten heranzubilden, die eines Tages imstande sind, bei der geistigen Auseinandersetzung und bei der politischen Willensbildung mitzuwirken. Nach dem unvergeßlichen Publikationsfest am 18. und 19. Juni 1950 folgten Semester intensivster Verbindungsarbeit, die im Anfang nur dadurch bewältigt werden konntet, daß sich die meisten der in München ansässig gewordenen Alten Herren wieder reaktivieren ließen. Im Vordergrund standen die weitere Sammlung der Adressen der Bundesbrüder, die Nachwuchsfrage, die Gestaltung des inneren Betriebs der aktiven Verbindung, die Budenfrage, die Finanzierung sämtlicher Beschaffungen, denn die Verbindung war ja aus dem Nichts geschaffen worden, u.v.a. Aber die Begeisterung, die persönliche Einsatzbereitschaft der alten und jungen Vandalen, das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Bewußtsein einer wunderbaren Lebensfreundschaft, deren Bewährung jeder von uns damals immer aufs Neue erleben konnte, halfen über alle Anfangsschwierigkeiten hinweg und ließen das Werk gelingen. Die Verbindung wuchs und erlebte eine Blüte, wie wir sie kaum zu erhoffen gewagt hatten. Schon nach einem Jahr des Bestehens unserer Verbindung in München erhielt sie die ehrenvolle Aufgabe, die Funktion der präsidierenden Verbindung im Münchener CV zu übernehmen. Obwohl noch im Aufbau begriffen, hat die junge Vandalia nicht gezögert, diese Aufgabe zu übernehmen, und sie hat sie glänzend gemeistert. Im Sommer 1951 nahmen 40 Bundesbrüder an dem Publikationsfest unserer Tochterverbindung Saxo-Bavaria (Wien) in Salzburg teil und wurden stürmisch gefeiert, weil Vandalia als erste CV-Verbindung durch ihre Anwesenheit die alten freundschaftlichen Beziehungen des CV zum ÖCV wieder aufgenommen hatte. Das Verbindungsleben litt unter dem Fehlen eines geeigneten Verbindungsheimes. Die Nebenzimmer der verschiedenen Gaststätten, in denen wir damals tagten, waren keine gute Lösung. Zuerst war es die „Amalienburg", dann der „Dachs", der „Oettingenhof", die „Max-Emanuel-Brauerei" u.a., die uns beherbergten; wir waren ständig auf Wanderschaft. Aber überall fehlten uns die Voraussetzungen für einen ordentlichen Budenbetrieb, wie ihn vor allem die älteren Bundesbrüder von Prag her kannten. Das Verbindungsleben konnte einfach nicht so gestaltet werden, wie es wünschenswert gewesen wäre, vor allem aber war es für die Mitgliederwerbung von Nachteil, daß wir immer nur im Wirtshaus, nicht aber wie andere Münchener Verbindungen im eigenen Verbindungsheim zusammenkommen konnten. Die entscheidende Wende zum Guten trat hier ein, als es im Jahre 1955 den Bemühungen des inzwischen von der Altherrenschaft gegründeten Hausbauvereins gelungen war, in überraschend kurzer Zeit das Studentenwohnheim „Deutsche Burse" in der Friedrichstraße zu erbauen, in dem die Verbindung - wenn auch nur im Keller - einen Raum als Verbindungsheim zugewiesen erhielt, der am Tage des 50jährigen Stiftungsfestes am 1.7.1955 vollständig eingerichtet und bezugsfertig übergeben werden konnte. Die Bundesbrüder, die in jahrelanger mühevoller Arbeit dieses Werk geschaffen haben, haben sich wahrlich um Vandalia verdient gemacht. In all diesen Jahren konnten wir im Großen und Ganzen mit dem Mitgliederzuwachs zufrieden sein. Es gab aber auch Semester, in denen nur wenige Neufüchse aufgenommen werden konnten, so daß sich erstmals, wenn auch nur vorübergehend Nachwuchssorgen abzuzeichnen begannen. Aber im Sommersemester 1958, als anläßlich der 800 Jahr-Feier der Stadt München ein Festkommers der Katholischen Studentengemeinde abgehalten wurde, hatte unser Fuchsmajor 18 Füchse zu betreuen - die höchste Zahl in den zurückliegenden 35 Jahren - und alle Nachwuchssorgen waren wieder vergessen. Dieser Erfolg war hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß viele Bundesbrüder im Studentenwohnheim wohnten, so daß sich ein erfreulicher Budenbetrieb entwickelt hatte. Die Verbindungsprogramme waren auf die innere Festigung der Verbindung ausgerichtet und die Semester waren ausgefüllt mit ernster Arbeit, aber auch umrahmt von schönen Veranstaltungen; die Geselligkeit kam nie zu kurz. Es war das Bestreben der Aktivitas, immer gute Semesterprogramme aufzustellen; sie waren eigentlich immer ausgewogen und teilweise auch anspruchsvoll, besonders wenn die Semester unter ein Leit-Thema gestellt waren. Neben den traditionellen Veranstaltungen gab es regelmäßig Vortrags- und Diskussionsabende - oft mit sehr namhaften Referenten -, auf denen die Bundesbrüder mit den brennenden Problemen unserer Zeit vertraut gemacht wurden, Lichtbildervorträge, Operneinführungen, gemeinsame Theaterbesuche, bayerische Abende u.v.a. In den Wintersemestern fanden auch mehrmals Tanzkurse statt, es gab Skilager und Schlittenfahrten, während im Sommersemester schöne Couleurausflüge, u.a. auch eine Floßfahrt auf der Isar, stattfanden. Die Höhepunkte der Veranstaltungen bildeten sicherlich unsere runden Stiftungsfeste, insbesondere das 55. Stiftungsfest 1960, da in diesem Jahr auch die 74. CV in München stattfand. Hervorzuheben sind auch die vielen Couleurreisen unserer Aktiven zu den Stiftungsfesten befreundeter Verbindungen in ganz Deutschland. Auch Berlin war schon mehrfach das Ziel von Fahrten der Aktivitas oder der Fuchsia. Mitte der 60er Jahre, als die Zahl der Neufüchse zurückzugehen begann, und es notwendig gewesen wäre, daß die Alten Herren und die Inaktiven die Veranstaltungen häufiger besuchten, mußten wir mit Bedauern feststellen, daß die ursprüngliche Begeisterung und das Interesse vieler Bundesbrüder offenbar stark nachgelassen hatten, denn die wiederholten Appelle, die schwächer gewordene Aktivitas durch öfteres Erscheinen bei den Veranstaltungen zu unterstützen, hatten leider nicht den gewünschten Erfolg. Das herausragenste Ereignis in den „35 Jahren Vandalia in München" war aber die Errichtung eines Anbaus im Hof des Studentenwohnheims „Deutsche Burse", der ausschließlich der Verbindung als eigenes Heim zu Verfügung gestellt wurde und - bestehend aus Kneipsaal, Chargenzimmer, Clubzimmer, Bierkeller und Nebenräumen - die Erfüllung aller lange gehegten Wünsche darstellte. Allen Bundesbrüdern, die im Verein „Deutsche Burse" dieses Werk zustande brachten, sowie dem AH-Verband für die Finanzierung gebührt der beste Dank und die höchste Anerkennung. Wir hatten die begründete Hoffnung, daß sich dieses neue schöne Verbindungsheim auf die Nachwuchswerbung günstig auswirken werde. In der Zeit der beginnenden Radikalisierung eines Teils der Studentenschaft an den deutschen Universitäten nahmen auch die Reformwünsche bei Vandalia zu. Es war durchaus vernünftig und anerkennenswert, wenn sich junge Bundesbrüder Gedanken darüber machten, was zu tun sei, damit unser Bund „kein anachronistisches Überbleibsel aus der Zeit der alten Burschenherrlichkeit werde, der in einem Elfenbeinturm lebt und sich an seinen eigenen Traditionen zu Tode feiert, die niemand mehr versteht und ernst nimmt". Es wurde eine Reformkommission gebildet und es fanden Diskussionsabende über Art und Umfang von Reformen statt, aber es wurde erfreulicherweise nur maßvoll reformiert. Jedenfalls wurde in unsere Verbindung nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, wie es in anderen Verbindungen passiert ist, die alles abgeschafft haben, was an eine Studentenverbindung noch erinnerte. Bei Vandalia hat man eingesehen, daß Tradition und Fortschritt keine Gegensätze sind; aber wir wären ebenso töricht, wenn wir nur vom Fortschritt träumten und nicht wüßten, was uns bereits die Geschichte vorgelebt hat. Mitte der 70er Jahre beschäftigte sich unsere Verbindung intensiv mit hochschulpolitischen Fragen. Die aktive Mitarbeit unserer Vandalia im Arbeitskreis Münchener Corporationen (AMC) und die Abhaltung einer gut besuchten Veranstaltung über das Thema „Möglichkeiten eines hochschulpolitischen Engagements unserer Verbindung" waren sehr anerkennenswerte Bemühungen auf diesem Gebiet. Trotz unseres schönen Verbindungsheims nahmen zu Beginn der 70er Jahre die Sorgen um die Existenz unserer Vandalia wieder zu, weil wir nur sehr wenige oder manchmal überhaupt kein neues Mitglied aufnehmen konnten. Wir merkten, daß der Zeitgeist nicht mehr verbindungsfreundlich war. Immer häufiger konnten die Chargen nur mit sehr jungen Bundesbrüdern besetzt werden, die deshalb ohne jede Erfahrung in der Verbindungsarbeit waren. Aber sie haben sich alle die größte Mühe gegeben und es soll hier ausdrücklich anerkannt werden, daß sie ihr Amt immer sehr gut und erfolgreich ausgeübt haben. Doch jetzt scheinen die Nachwuchssorgen überwunden zu sein: In den letzten Semestern konnten wir wieder zweistellige Fuchsenställe aufweisen. Dieser Erfolg geht nicht unbedeutend auf die Keilaktionen unserer Aktivitates im Studentenwohnheim „Deutsche Burse" zurück; nur noch ganz selten treten „Nichtbursianer" der Verbindung bei. Aber dafür kämpft die Verbindung nun mit den Problemen, die durch die Vermassung der Universitäten hervorgerufen werden: Durch ein verschultes Studium, durch zweigeteilte Vorprüfungen, und dreigeteilte Hauptprüfungen, und durch die Regelstudienzeit haben die Studierenden kaum noch Zeit, sich außerhalb des Studiums zu engagieren; fast jedes zweite Semester ist ein Prüfungssemester, nach durchschnittlich zehn Semestern soll das Studium beendet sein. Durch die angespannte Lage auf dem akademischen Arbeitsmarkt wird der Erfolgsdruck zusätzlich auch in den prüfungsfreien Semestern verstärkt. Als Folge dieses unnatürlichen Studiums im Eilzugtempo haben immer weniger Bundesbrüder Zeit, mehr als zwei Chargen zu übernehmen, befinden sich immer weniger Inaktive am Ort. Obwohl gerade in dieser schwierigen Lage die Aktivitas auf die Unterstützung durch Inaktive und Alte Herren sehr angewiesen ist, hat das Engagement und der Veranstaltungsbesuch der Mehrzahl dieser Bundesbrüder zu wünschen übrig gelassen. Es hilft uns nichts, wenn die Veranstaltungen der großen Stiftungsfeste, wie das 50., das 60., das 70. und des 75. Stiftungsfestes immer glanzvolle Geburtstagsfeiern und große Familienfeste unserer Verbindung sind, während die kleinen Veranstaltungen während des Semesters oft erbärmlich besucht sind. Eine Vortragsveranstaltung, bei der nur 10 - 12 Bundesbrüder anwesend sind, kann man einem Referenten einfach nicht zumuten. Aber so oft auch die Interesselosigkeit und Teilnahmslosigkeit eines Großteils der in München und Umgebung wohnenden Altherrenschoft, besonders der jüngeren Alten Herren, beklagt und an die bequem und träge Gewordenen appelliert wurde, die Verbindung in dieser schweren Zeit nicht im Stich zu lassen, es ist immer nur der gleiche kleine Kreis, der der Aktivitas treu zur Seite steht. Deshalb soll diese Gelegenheit wiederum dazu benutzt werden, um die abseits Stehenden an ihre Pflicht zu erinnern, sich jetzt endlich einmal reger am Verbindungsleben zu beteiligen und der Aktivitas wenigstens dadurch zu helfen, daß sie so oft als möglich zu den Veranstaltungen, angefangen vom Gottesdienst bis zu den Vorträgen, kommen. Ich bin der Meinung, daß es eigentlich jedem hier wohnenden Bundesbruder trotz aller Berufs-, Familien- und sonstigen Pflichten möglich sein muß, wenigstens einmal im Monat - nicht einmal im Semester - zur Verbindung zu kommen. Damit wäre der Aktivitas schon viel geholfen, andernfalls ist der weitere Bestand der Verbindung ernsthaft gefährdet. Wenn es wieder aufwärts gehen soll, müssen sich alle Bundesbrüder um die Verbindung kümmern und in irgendeiner Form beitragen, daß sie eine geistig lebendige Gemeinschaft bleibt. Und was die Va-Blätter betrifft, so war es früher selbstverständlich, daß die auswärtigen Bundesbrüder den Kontakt zur Verbindung dadurch aufrecht hielten, daß sie auf die einzelnen Nummern unseres Mitteilungsblattes antworteten und zu einzelnen Fragen und Problemen Stellung bezogen, auch selbst Fragen aufwarfen, sowie Anregungen gaben. Dieses Echo hat fast ganz nachgelassen. Wir wollen noch nicht resignieren, aber bedenkt, daß jede Anregung von „draußen" für uns wertvoll ist und daß es die Arbeitsfreude der Herausgeber und Mitarbeiter der Va-Blätter heben würde, wenn sie feststellen könnten, daß ihre Arbeit nicht ohne Resonanz geblieben ist. Unsere Vandalia kann nur dann leben, wenn die Verbindung zwischen den Aktiven und den Alten Herren so ist, daß beide Seiten ständig voneinander lernen, daß also die Aktivitas die Altherrenschaft nicht nur als Finanzierungsquelle ansieht, sondern auch als Möglichkeit, aus dem Schatz der dort angesammelten Erfahrungen zu lernen; andererseits müssen die Älteren bestrebt sein, jung zu bleiben, mit der heutigen Generation versuchen, die Probleme zu meistern, in die Gesellschaft hineinzuwirken und das gesellschaftliche Leben nach unseren Prinzipien religio, patria, scientia und amicitia zu beeinflussen. AH Dr. P. Friedrich
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