Der Schipkapass Bei jeder Kneipe singen die Vandalen - jung und alt - mit Begeisterung den Cantus "Mit der Fiedel auf dem Rucken". Als Abschluß wird dann der Refrain "Am Schipkapaß geht's lustig zu" intoniert, was manchmal je nach Höhe des Bierkonsums in vandalisches Gegröhle ausartet. Hier sei der Versuch unternommen, den Geheimnissen des ominösen "Schipkapasses" auf die Spur zu kommen, den alle Bundesbrüder, die noch in Prag studiert haben, besucht hatten, und die begeistert von den dortigen Gelagen in einer schauerlichen Spelunke berichteten. Eines scheint mir sicher: der Schipkapaß war eine Bauern- bzw. Ausflugswirtschaft im Westen Prags und trug diesen Namen nur in Korporationskreisen. In dieser Wirtschaft herrschte immer "Burgfrieden" und "Duzkomment" zwischen allen Korporierten, seien es Burschenschafter, Corpsstudenten oder konfessionelle Studentenschafter - gleich ob deutschnational, liberal oder konfessionell. Aber sowohl die wirkliche Lage alsauch die Frage der Namensgebung blieben im Dunkeln. So stellte ich mir die Fragen: a) Warum hieß der Schipkapaß so? b) Wo lag er geographisch gesehen? c) Was ist heute dort zu finden? Um die erste Frage zu klären, muß kurz die Geschichte bemüht werden (siehe : Karl Hans Strobl: "Die Flamänder von Prag"). In den Jahren 1876/78 versetzte der russisch-türkische Krieg die friedlichen Gemüter in Aufregung. Die Leitartikel der Redaktionsstrategen wurden diskutiert - oft sehr kontrovers - und die Gassenjungen Prags schlugen sich als Russen oder Türken Löcher in die Köpfe. Das Kriegsgetümmel "weithinten in der Türkei" steigerte das Behagen des gebildeten Europäers. Daß die Tschechen mit vollem Herzen auf der Seite ihrer slawischen Brüder standen, ist verständlich. Die Meinung in der deutschen Studentenschaft war jedoch geteilt. Das studentische Freiheitsideal und wohl auch der jahrhunderte alte Türkenhaß ließen einen Teil auf Seiten der freiheitssuchenden bulgarischen Stämme stehen, während ein anderer Teil ihre Bewunderung den tapferen Streitern der Türken zollte. Gerade die heldenhafte Verteidigung des mit Hilfe einer russischen Armee im Jahre 1876 eroberten Schipkapasses durch die bulgarischen Stämme gegen die osmanische Übermacht unter Osman Pascha zwischen 1877 und 1878 und die damit endgültige Befreiung vom türkischen Joch war ein Thema ersten Ranges. So kam es auch im "Kleinseitner Pfeifenclub", wo man seit Jahren von dem Grundsatz ausging, daß sich ein Gespräch mit dem richtigen Genuß einer Pfeife schlecht verträgt - also kaum gesprochen wurde - zu heftigen Diskussionen zu diesem Thema: Wenn das im "Kleinseitner Pfeifenklub" geschehen konnte, so war es doch wirklich kein Wunder, daß die drei Mediziner, die sich in dem neueröffneten Wirtshaus über der Scharka hinter Prag eingefunden hatten, mit mindestens fünf verschieden Meinungen gegeneinander kämpften. Einige Tage vorher war ein Gerücht unter den Prager Studenten in Umlauf gekommen: Ein deutscher Mann hatte die Absicht kundgegeben, in seinem Anwesen auf dem Abhang des Scharkatales die Hungrigen zu speisen und die Durstigen zu tränken. Unter den ersten Gästen, die sich - noch mit allem Mißtrauen - einfanden, waren die drei Mediziner, die vom Schicksal dazu ausersehen waren, einer historischen Stätte den Namen zu geben. Der Wirt, ein Riese von breiten Schultern und ungeheuren Gliedmaßen, mit einer Brust wie ein Amboß und einer verheißungsvoll geröteten Nase, kam den Gästen mit einem roten Fes auf dem Kopf entgegen. Dieser Fes war noch nicht lange in seinem Besitz. Erst am Tage vorher hatte er ihn einem Hausierer, der sein Nachtlager nicht bezahlen konnte oder wollte, nebst einigen anderen Gegenständen abgenommen. An diesen Fes, der so rot durch die Sommerlandschaft leuchtete wie eine Kundgebung zugunsten der Türken, knüpfte sich sogleich das Kriegsgespräch der drei Mediziner. Der eine, der das Bildnis des Verteidigers von Plewna in einer illustrierten Zeitschrift gesehen hatte, behauptete, der Wirt sehe mit seinem Bart und kriegerisch strengen Gesicht dem rühmlichst genannten Osman Pascha ähnlich. Es war aber gerade an jenen Augustkämpfen im Schipkapaß, die auch schon im "Kleinseilner Pfeifenklub" einem kräftigen Für und Wider zum Anlaß gedient hatten. Und als man sich durch einige Erörterungen der Ansichten hindurchgestritten hatte, fand einer so ungefähr nach dem fünften Krug Bier noch eine andere Ähnlichkeit heraus. "Männer von Athen", sagte er, mit ausgestrecktem Arm auf die Landschaft deutend, "die Lage dieses Ortes erinnert massenhaft an den Schipkapaß. Der Schipkapaß zieht sich zweiundzwanzig Kilometer lang auf einer Höhe hin, die von jenseitigen Höhen beschossen werden kann. Hier haben wir die Einsattelung zwischen den Bergen. Hier geht´s ins Tal hinab. Und von drüben kann man zweifellos herüberschießen." "Du mußt es ja wissen, du warst ja bei den Peitscherlhusaren", sagte ein anderer, der sich viel darauf zugute tat, daß er bei der Artillerie gedient hatte. Der dritte sagte nichts. Nach einer Weile schrie er plötzlich "Hurra" und versank dann wieder in Schweigen, denn er begann sich nach einigen Bieren immer sehr sonderbar zu benehmen. Die anderen nahmen das als ein Zeichen der Zustimmung und fingen an in der Landschaft die Einzelheiten der Ähnlichkeit zu suchen, mit einer sehr angefachten Phantasie, der es nicht schwer wurde, gewaltsam einzupassen, was sich nicht dem Bild von vornherein passen wollte. Da sank das Tal über die sanften Wiesen einer Mulde zu einem schönen Gartenland hinab. Jenseits gab es einen steileren Hang, und hinter dem Wirtshaus stieg ein Wald zur Höhe an. Als man den Heimweg antrat, war man darüber einig, unter welchen Namen Wirtshaus und Wirt in der Prager Studentenschaft einzuführen seien. Die Namen der drei Mediziner hat ein dankbares Gedächtnis der Nachwelt aufbewahrt. Seit jener Zeit führte das Wirtshaus den Namen Schipkapaß, der Wirt hieß Osman Pascha und, um im Stil zu bleiben, nannte man seine Gattin Suleika, und eine Köchin Zoraide ergänzte den Hausstand. Osman Pascha aber hatte von jenem Augusttage an eine besondere Neigung zur medizinischen Wissenschaft gefaßt und erklärte jedermann, die medizinische sei die vornehmste aller vier Fakultäten. Hiermit dürfte Frage a) geklärt sein. Ob die deutschen Studenten sich damals allerdings der Tatsache bewußt waren, daß sie mit dieser Namensgebung einem zentralen Punkt des Panslawismus ein Denkmal setzten, muß sehr bezweifelt werden. Am echten Schipkapaß steht nämlich ein russisches Denkmal zur Erinnerung an die Eroberung 1876 mit der sinngemäßen Inschrift "Für die Befreiung aller slawischen Stämme aus der Unterdrückung". Zur Klärung der zweiten Frage hatte ich drei Anhaltspunkte:
1) Der "Schipkapaß" muß im Westen Prags gelegen haben und zwar 2) in der Nähe des Schlosses und des Bierdorfs Stern (von dort aus eine halbe Stunde Fußmarsch - also etwa 2,5 km) und 3) im Tal der Wilden Sarka.
Meine Suche auf neuen Prager Stadtplänen gestaltete sich in meiner Unkenntnis der tschechischen Sprache schwierig. Durch Zufall fand ich in einem alten Reiseführer von Prag ein Schloß Stern (HVEZDA). So war im Plan von 1979 schnell sowohl Schloß Stern mit seinem großen Park (OBORA HVEZDA) und das "Bierdorf" Stern ("U HVEZDY" - "Beim Stern") lokalisiert und siehe da - es gab auch ein Flüßchen namens SARKA, das am "Weißen Berg" entspringt und in weiten Bögen an Schloß und Dorf Stern vorbei nach Norden fließt und dort bei SEDLEC in die Moldau mündet. Auch das Tal der "Wilden Sarka" entdeckte ich in einem alten Reiseführer - dort wird im Kapitel "Geographie des Prager Großraums" das Naturschutzgebiet "DIVOKA SARKA" wegen seiner geologischen und botanischen Besonderheiten ausdrücklich erwähnt. Das Kartenstudium ließ klar erkennen, daß es sich um den Teil des Sarkabaches handeln kann, in dem nach dem Dorf Stern mehrere Höhenzüge durchbrochen werden. Nach der Lokalisierung des Ortes sollte nun die letzte Frage in Praxis beantwortet werden. So machte sich meine Familie an einem Tag unseres restlos verregneten Pragbesuchs auf, um auf den Spuren der alten Vandalen zu wandeln. Per Auto (!) wanderten wir hinaus nach Westen auf der neuen Ausfallstrasse "LENINOVA", die zum Flughafen RUZYNE und nach KOMOTAU führt. Etwa bei der Endhaltestelle der Straßenbahnlinien 2 und 25 führt ein Sträßchen nach rechts durch Wiesen und Obstgärten hinunter ins Sarkatal. Dort ist die Sarka durch einen Staudamm zu einem Hochwasserrückhaltebecken aufgestaut. Auf der einen Seite des Stausees befinden sich ein Schwimmbad, ein Campingplatz und Sportplätze, auf der anderen Einfamilienhäuser und einige Wohnhäuser; hier an diesen Hängen dürfte der "Schipkapaß" gelegen haben. Wie wildromantisch die Lage gewesen sein muß, wird einem erst bewußt wenn man den Weg ins Naturschutzgebiet nimmt; hier bricht die Sarka durch einen Höhenzug. In dem zwischen Felsen tief eingeschnittenen, dicht bewaldeten Tal braust die wilde Sarka in Windungen hinunter zur Moldau. Der heute vom Stausee überflutete Teil dürfte genau so gewesen sein, so daß man die Beschreibungen Strobis nachempfinden kann. Die eben beschriebene Verkehrsverbindung ist erst nach dem 2. Weltkrieg entstanden. Die Bebauung entlang der LENINOVA zeigt dies häufig in ihrem sozialistischen Stil deutlich. Zur Entstehungszeit des "Schipkapasses" wanderten die Studenten auf einem Feldweg vom Hradschin hinaus nach Westen, wo in etwa die Stadtgrenze Prags lag. Zu Vandalenzeiten fuhr man wahrscheinlich vom Wenzelsplatz aus mit der Straßenbahnlinie 20 bis zum Bierdorf Stern und wanderte dann in etwa einer halben Stunde über einen kleinen Höhenrücken hinaus zum Schipkapaß. Ob besonders gehfeste Vandalen den Weg auch von der Bude in der Smetschkagasse zu Fuß in Angriff nahmen, ist nicht überliefert - ein tüchtiger Geher dürfte etwa drei Stunden gewandert sein. Hoffentlich herrscht beim nächsten Besuch fotographisches "Büchsenlicht" so daß Bildmaterial erstellt werden kann, um einen Eindruck dieser herrlichen Gegend am Rande der Großstadt Prag zu vermitteln; ich kann mir jedenfalls vorstellen, daß viele Studenten - auch Vandalen - den Ausflug zum Schipkapaß nicht nur wegen der Kneipe und dem damit verbundenen Vergnügen gemacht haben.
AH R. Eder v/o Schwamm Va!
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